Prof. Dr. Reinöhl – Foschungsprofil

Mein Forschungsinteresse gilt zentral der Frage, wie in menschlichen Sprachen komplexe Ausdrücke (z.B. Phrasen und Sätze) aus einfachen Ausdrücken (z.B. einzelnen Wörtern) aufgebaut werden. Obwohl die Bildung komplexer Ausdrücke eines der zentralen Charakteristika darstellt, das menschliche Sprache von anderen Kommunikationssystemen abhebt, ist die ganze Breite übereinzelsprachlicher Diversität in diesem Bereich nur sehr unzureichend erforscht und wenig theoretisch aufgearbeitet. Ich konzentriere mich dabei insbesondere auf Sprachen, welche Muster der Konstruktionsbildung aufweisen, die sich grundlegend von solchen in westeuropäischen Sprachen unterscheiden, insofern als eine formal vor-fixierte, hierarchische Strukturierung fehlt. Konkret bedeutet dies, dass die betreffenden Sprachen bestimmte Wortartenunterscheidungen, die u.a. aus westeuropäischen Sprachen bekannt sind, nicht vorweisen. Beispielsweise fehlt in manchen Sprachen eine Unterscheidung zwischen Substantiv und Adjektiv und ein und dasselbe Wort kann – je nach Verwendung – sowohl „schön“ als auch „Schönheit“ oder sowohl „groß“ als auch „Größe“ bedeuten. In solchen „flexiblen“ Sprachsystemen gilt es herauszufinden, welche Mechanismen genau am Werk sind, die die jeweilige Verwendung eines Wortes bestimmen und es in größere Kontexte (z.B. in eine Nominalphrase oder in einen Satz) einbetten. Da übereinzelsprachliche Theoriebildung sehr lange (und zum Teil nach wie vor) in eurozentrischer Tradition in erster Linie von westeuropäischen Grammatiksystemen geprägt war bzw. ist, verspricht die Untersuchung solcher alternativer Systeme neue, vertiefte Einblicke in die ganze Breite der Möglichkeiten grammatischer Organisation in menschlicher Sprache. In einem weiteren Schritt können so neue Einblicke in die Kategorisierungsmechanismen menschlicher Kognition im Allgemeinen gewonnen werden.

Meine Forschung dient dem Ziel, den Varianzraum grammatischer Systeme hinsichtlich dieses grundlegenden Themas abzustecken und um korpusbasierte Studien verschiedener Sprachen zu erweitern. Dies beinhaltet im Kern die Analyse nicht nur übereinzelsprachlicher Variation, sondern insbesondere auch historischer Wandelprozesse, um vertiefte Einblicke in die Zusammenhänge und Übergänge zwischen Strukturtypen zu gewinnen. Mein sprachhistorisches Interesse knüpft dabei an meine Forschung im Rahmen meiner Promotion an, im Zuge derer ich den tiefgreifenden Umbau der Grammatiksysteme der indoarischen Sprachen (also desjenigen Zweiges der indoeuropäischen Sprachfamilie, der vornehmlich in Indien bzw. Südasien vertreten ist) im Laufe ihrer seit 3000 Jahren belegten Geschichte untersucht habe.

In meiner Forschung zu Sprachwandelprozessen interessieren mich immer besonders die spezifischen sozialen und kommunikativen Bedingungen, welche die Übergänge zwischen Strukturmustern zulassen und ich beziehe dabei alle linguistischen Analyseebenen – wie zum Beispiel Intonation, lexikalische Semantik und die sogenannte Informationsstruktur (also die Organisation von Wissen angepasst an die Erwartungshaltung der Hörerin oder des Hörers) – in meine Forschung ein.

Aus diesem Forschungsschwerpunkt ergibt sich mein empirischer Fokus auf Sprachen wie dem vedischen Sanskrit oder dem Kera’a, einer sino-tibetischen Sprache, zu der ich seit etwa zwei Jahren ein Dokumentationsprojekt in Nordostindien verfolge. Im Zuge meines vor kurzem angetretenen Emmy Noether-Projektes werden neben diesen Sprachen Detailuntersuchungen zu nicht-hierarchischen Konstruktionsmustern in zwei weiteren Sprachen – einer austronesischen Sprache aus Timor sowie zum Warlpiri in Australien – durchgeführt werden. Die Forschung zu diesen Sprachen wird unter anderem durch Kooperationen mit KollegInnen der Universität zu Köln sowie der Australian National University ermöglicht.

Anknüpfend an meine skizzierten theoretischen und empirischen Kerninteressen widme ich mich zudem benachbarten Themen wie der Vertiefung unseres Verständnisses von Grammatikalisierungsprozessen (also dem Entstehen neuer „Funktionswörter“ wie Artikel, Adpositionen, Hilfsverben etc.), Analysen der Grammatik des Sanskrits mit dem Apparat moderner, allgemein­sprachwissenschaftlicher Methoden und Theoriendiskurse sowie vielfältigen Themen rund um die Dokumentation des Kera’a.

Im Bereich meiner Forschung zum Sanskrit leite ich aktuell gemeinsam mit Kölner KollegInnen zwei Drittmittelprojekte, einerseits das Teilprojekt Agent prominence and the diachrony of predication in Indo-Aryan im Sonderforschungsbereich 1252 Prominence in Language (Köln) und andererseits das Projekt VedaWeb (DFG), das dem Aufbau einer digitalen Forschungsplattform zur Arbeit mit altindischen Texten dient und in Kollaboration u.a. mit Kollegen der Universität Zürich durchgeführt wird.